claudia schumann  works  texts  ©2015
Andrea Jünger
Selbst.Portraits von Claudia Schumann
Der unerwiderte Blick

Suchend als wäre das Wesentliche, nach dem sie sich sehnt, irgendwo im nahen oder doch ferneren Dahinter, keinesfalls im Visavis verborgen, scheint die Künstlerin durch einen hindurchzuschauen – irritiert blickt man nicht wie gewohnt in sondern vielmehr auf ihre großen Augen.
Jenseits der uns vertrauten Porträttypen werden wir hier weder angesehen, noch fühlt man sich aktiv zur Kommunikation, das heißt zur Beschäftigung mit dem Abbild und den meist bedeutungsvollen Posen, eingeladen. Claudia Schumann mimt vor dem Betrachter keine der bekannten Rollen aus dem Fundus der kunstgeschichtlichen Repräsentationsformen. Sie stellt sich nicht dar, posiert nicht und verzichtet darauf, sich mit gelehrten, ikonografischen Anspielungen in bestätigenden Blicken des Publikums zu spiegeln.
Da sie keine Notiz von uns nimmt, prallt der unerwiderte Blick an ihr gleichsam ab und wir bleiben mit unserer Neugier allein, bzw. „außen vor“ – der neudeutsche Terminus trifft diesen Zustand peinlicher Berührtheit sprachlich unschön, aber ziemlich präzise.
Vor jedem anderen Sujet, sei es Landschaft, Stillleben, Vedute,… wird das voyeuristische am Kunstgenuss ganz selbstverständlich ausgelebt, liegt es doch in dessen Natur, Dinge eingehend und zeitlich uneingeschränkt zu betrachten, während man dieser hermetischen Szene emotional nicht so ungestört wie gewohnt beiwohnen kann. Claudia Schumann vermag es subtil im unbeachteten Betrachter die Empfindung zu wecken, er sei zu Unrecht in diese Stille eingedrungen und stört damit in letzter Konsequenz sein visuelles Konsumverhalten.
So schaut sie vor sich hin gedankenverloren, vielleicht ein vages Ziel vor ihren weit geöffneten Augen, die noch kein Funke erkenntnisreich erhellt. Ihr Gesichtsausdruck bleibt ambivalent, ob ganz bei sich oder doch außerhalb des Selbst? - wir sind aufgefordert, nun unsererseits die Suche zu beginnen, um eine Spur der Abwesenden in deren Bildnis zu entdecken.
August Ruhs
Der Mund, ganz Auge
Assoziatives zu einer reflexionswürdigen Fotoarbeit von Claudia Schumann
In der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Triebhaftigkeit werden für gewöhnlich dem Oraltrieb einerseits und dem Autoerotismus andererseits Ursprungsbedeutung zugeschrieben. Allerdings ist diese Feststellung in beiden Fällen zu relativieren. So ist hinsichtlich des initialen Spannungs- und Befriedigungserlebens dem Mundorgan von Anfang an vor allem auch die Funktion des Auges begleitend zur Seite zu stellen, und vom Autoerotismus kann nicht wirklich behauptet werden, dass er ein primäres Stadium der Sexualtriebbefriedigung wäre, welche sich ohne die Wirkung eines äußeren Objekts nur am eigenen Körper vollziehen würde. Zwar hat Freud zur Darstellung des idealen Modells des Autoerotismus einprägsam von den Lippen gesprochen, die sich selber küssen, jedoch ist dabei zu beachten, dass dieses letztlich dem Saugakt geschuldete Lusterleben sekundär ist gegenüber einer ersten Phase, in welcher der Sexualtrieb mit dem durch Hunger gekennzeichneten Selbsterhaltungstrieb verschränkt ist und tatsächlich am Objekt der mütterlichen Brust seine Befriedigung findet. Somit kann erst nach der Entbindung der beiden Triebkomponenten die der Phantasie stark verhaftete Autoerotik einen rein sexuellen Charakter für sich beanspruchen. Darüber hinausgehend ergibt sich aus der bereits erwähnten Tatsache, dass der Oraltrieb nicht die einzige Quelle erotischer Erfahrungen darstellt, die berechtigte Annahme, dass dem Autoerotismus letztlich eine ganz allgemeine Organlust entspricht, so dass er an keine bestimmte Triebart und an keinen klar definierten Entwicklungsabschnitt gebunden ist.
Während es beim oralen Urerlebnis des Stillens und Gestilltwerdens zu einem Austausch- und Stoffwechselprozess zwischen Mutter und Kind auf dem Niveau der Befriedigung von Triebbedürfnissen kommt, findet gleichzeitig eine Kommunikation auf dem Feld des Visuellen statt, bei welcher der den Blick des Kindes suchende mütterliche Blick ein liebevolles Begehren zum Ausdruck bringt, das auf eine sehr sublime Weise einen gegenseitigen Einverleibungsprozess auf zwei voneinander getrennten Ebenen entstehen lässt. Somit sind Auge und Mund, ganz im Gegensatz zum Ohr, an eine Dialektik von Nehmen und Geben gebunden, wobei das Auge seinem Glascharakter die Doppelfunktion von Rezeption und Emission verdankt. In der aktiven und passiven Dimension des Blicks, wofür die englische Sprache die zwei unterschiedlichen Begrifflichkeiten von look und gaze vorgesehen hat, verschränkt sich der die Objektwelt wahrnehmende Blick mit dem Ur-Objekt der Schaulust und des Schautriebes in Gestalt des vom Anderen her erfahrenen Blicks. Letzterer ist so wie der triebhafte Mund zunächst böse und gefräßig, bevor er durch Zähmung und Befriedung zum Träger des Begehrens werden kann, so dass sich schließlich das Kind als Glanz im Auge der Mutter erfahren kann. Diesbezüglich ist interessant, dass in einer Vielzahl von Sprachen der Name Pupille, mit welcher der Blick assoziiert wird, sowohl ein kleines Kind als auch eine Höhlung bezeichnet. Selbstverständlich ist auch eine Metaphorik, welche eine Verbindung von Lieben und Fressen zum Inhalt hat, der durch Einverleibung determinierten Gleichläufigkeit von Schautrieb und Oralität geschuldet.
Da der Akt des Sehens ursprünglich mit der Körpermotorik eng verbunden ist, geht vom angeblickten Objekt ein eigenartiger Zwang zur Imitation aus. Darauf gründet das Phänomen der Identifizierung, das ein von äußerem Verhalten mehr oder weniger befreites Nachahmen darstellt. In der Umkehrung ergibt sich, dass vom Auge des Anderen ebenfalls sowohl fressend-verschlingende als auch aufbewahrende Wirkung mit der Möglichkeit, das Gegenüber zur Ähnlichkeit zu zwingen, ausgeht. So wie schlechte Nahrung ausgespien werden kann, ist es auch möglich, ein schlechtes Bild auszustoßen und auf ein Objekt zu heften. Diese Projektion ist gewissermaßen das Negativ der Identifizierung. Über den vom Augenorgan gewährleisteten identifikatorischen Weg wird schließlich jene Aneignung des Anderen bewerkstelligt, welche auf einer primitiveren Stufe durch orale Inkorporation seiner imaginären und symbolischen Substitute angestrebt wird. Rituale wie etwa die vom Verzehr des Totemtieres abgeleiteten Gebräuche oder der so genannte Leichenschmaus weisen nachhaltig in diese Richtung.
Durch nachhaltige Verbindungen mit genitaler Triebhaftigkeit in späteren Entwicklungsstufen können sich schließlich Auge und Mund mit einer zusätzlichen und exzessiven Erotik sowohl aktiver als auch passiver Natur aufladen, welche im einen Fall zu den beiden Varianten von Voyeurismus und Exhibitionismus führen und im anderen Fall zu Störungen im Essverhalten Anlass geben, die vor allem als Fresssucht/Magersucht und als Ess-Brech-Lust imponieren.
Was die Sublimierung von oraler und schaulustbestimmter Triebhaftigkeit betrifft, kommt dem fotografierenden Künstlersubjekt eine privilegierte Stellung zu. Grundsätzlich steht es auf beiden Seiten des Feldes, das durch den Augenmund abgesteckt ist. Sein bewaffnetes Auge dringt in die Objekte ein und verschlingt sie. Nach einem komplexen Projektionsverfahren setzt es aber auch das Einverleibte dem Anblick des Anderen aus. Dabei entgeht das kreative Subjekt der Neurose, insofern es außerhalb des Kastrationskomplexes steht, sich seinen Phantasmen stellt und sich auch von seinen der Exhibition dienenden Objekten trennen kann. Vor der Perversion ist es gefeit, indem es auf ein unvermitteltes sexuelles Genießen verzichtet und dieses in einem vor allem durch ästhetische Arbeit veredelten Begehren aufheben kann. Dieses ist auch stets durch die Sehnsucht und das Bemühen gekennzeichnet, eine letztlich unmögliche Begegnung mit dem hinter den Sachen und Sachverhalten liegenden Realen zu arrangieren. Auf diese Weise wird ein Bild zu einem Kunstwerk, weil sich in ihm nach den Worten des Philosophen Hegel das sinnliche Scheinen der Idee offenbart oder weil es, im Sinne des Psychoanalytikers Lacan, imstande ist, das Objekt zur Würde des Dings zu erhöhen.

Margareta Sandhofer
unausweichlich, unmittelbar verletzlich

Dass Judith Ortner aktuell ihre sonst stringente Konzentration auf Ausstellungen von Editionen überschritten hat, ist nur vorschnell erstaunlich, mit der angebrachten Aufmerksamkeit für die gegenwärtige Ausstellung von Claudia Schumann dann mehr als verständlich.
Es sind Fotografien, von weiblichen Antlitzen, Körperteilen, die Augenpartie einer verstorbenen Greisin, zurückhaltend und doch eindringlich; eine zweiteilige minimalistische Stahlarbeit und ein Blick aus einem Fenster: ein farbiger Abzug und ein schwarz-weißer.
An den Wänden sind die fotografischen Werke präsentiert. Auf dem Tisch in der Raummitte liegt exemplarisch die Basis von Claudia Schumanns Reflexionen vor; als einfache Fotokopien, von eigenen Fotos, von Büchern und Buchrücken, darunter die Seiten von Georges Batailles „Das Dach des Tempels“ aus dem Band „Das Unmögliche“, darin geht es um ein Verlangen, eine majestätische Traurigkeit, Tod und Lust.
Claudia Schumann erklärt den Titel ihrer Ausstellung „LEERES LICHT“ als „abwesenden Blick“. Beidem ist eine Ambivalenz immanent: Leere kann eine reine Negation bedeuten, aber auch die weiteste Freiheit oder das reinste Licht. Und der Blick ist in seiner Abwesenheit präsenter als in seiner Verdinglichung. Zudem offenbart er sich als ein nach innen gerichteter.
Claudia Schumann ist sich selbst das „geeignetste“ Modell, es führe sie am direktesten zum gewünschten Ergebnis. Daher basieren nahezu sämtliche Arbeiten auf den fotografischen Aufnahmen ihres Körpers. Gerade weil sie nicht die Herstellung von Selbstporträts im plakativen Sinn bezweckt und daher die Identifizierung ihrer Gesichtszüge vermeidet, enthüllt sie anstelle des abbildenden eine wahreres, tiefer liegendes inneres Gesicht. Zumeist sind die Darstellungen ausschnitthaft fragmentiert. In der gezielten Fokussierung auf explizite Köperabschnitte und der Wiedergabe inSchwarz-Weiß wird die Aussage bis zum Äußersten konkret; intim und sinnlich, doch oft mit der Außenwelt als einem brutalen Gegenüber konfrontiert. Die mögliche erotische oder an den Aktionismus erinnernde Ausdruckskraft wird von einer tiefen menschlichen Empfindsamkeit überlagert, die in ihrer Authentizität betroffen macht. Zugleich zeichnet sich ein enorm bewegter Schauplatz ab, Sehnsüchte und Begehrlichkeiten zwischen Tod, Ekstase, Vergänglichkeit und Versehrtheit, Kontinuität und Nachhaltigkeit.
Claudia Schumanns Werk ist wie der Titel ihrer Ausstellung ambivalent. In Subtilitäten ruft sie Intensitäten auf. Seelische und geistige Tiefen, auch Abgründe, schimmern durch. Das nackte Ausgesetzt-Sein ihres sensiblen Bestehens in einer Welt der Diskontinuität führt zu keinem Nihilismus; sondern zu einem Auf-sich-geworfen-Sein, das affirmativ seine Existenz als schillernde Bipolarität erkennt und als solche standhält. Es ist ein Bekenntnis in radikaler Direktheit, ohne Distanz schaffende Ästhetisierung. Die Form ist sinnlich und zart, fast zärtlich, die Offenheit gegen sich selbstunbarmherzig. Eine Ästhetik, die unausweichlich, unmittelbar verletzlich und sehr persönlich ist.

19. 07. 2012, artmagazine
Brigitta Keintzel
Die Materialität der Bilder und die Ontologie des Blicks

Claudia Schumanns Bilder erzählen von dem komplexen Ineinandergreifen von Zerstörung, Störung und Bestätigung. Schumanns Fotografien sind nicht im Schwange mit einer besseren, anderen, neueren, schöneren Welt, sondern der Schwung ihrer Bilder nährt sich von der Einsicht, dass die Opulenz des Körpers gerade in seiner Nacktheit, Frivolität und Zerbrechlichkeit besteht. Es ist eine Opulenz, die sich dem Blick bedingungslos bloßstellt und ebenso bedingungslos verweigert. Diese schmale Gratwanderung zwischen der Wucht ihrer Präsentation und ihres gleichzeitig stattfindenden schamhaften Entzugs kann weder begrifflich noch blickend erschlossen werden sondern bleibt rätselhaft und irritierend.
Diese Irritation ist eine abrupte, dissonante Störung eines begrifflichen Automatismus, der danach verlangt das Gesehene in eine Geschichte zu verwandeln. Gesicht und Geschichten bleiben in Schumanns Bildern nicht synchron. Die Beunruhigung geht von der Materialität der Bilder aus, die in eine synchrone Erzählung nicht eingefangen werden können. Sie laden ihre Betrachter vielmehr dazu ein, den Blick in eine Asymmetrie mit dem Gesehenen zu verstricken, und dadurch die Gegensätze des Realen, Leben und Tod, Schein und Wahrnehmung, Entgrenzung und Ausgrenzung, Klischee und Bruch an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu bringen.
Schumanns Bilder bleiben auf den Körper, auf den weiblichen Körper angewiesen. Er markiert eine Referenz, die über die Grenzen des zu betrachtenden Werkes hinausreicht. Dieser dargestellte, ausgestellte, gemarterte und sinnlich verklärte Körper zwingt ihre Betrachter dazu, ihn als Prüfstein für die Betrachtung auch der sie umgebenden Objekte und Kontexte zu akzeptieren. Die Entgrenzung von Bild und Wirklichkeit wird mit einer Botschaft, ja einer Anklage verknüpft. Der Blick dieses Körpers, dieses weiblichen Körpers bittet nicht und liebäugelt nicht mit dem voyeuristischen Blick des (männlichen) Betrachters, sondern er stört die Betrachter in ihrer selbstgefälligen Sicherheit ihres Betrachtens und betört sie ebenso. Nicht geschlossen wird im Akt des Betrachtens dieser Bilder die Brücke, die den Übergang vom Sehen zum Sich wieder finden und gegeneinander Abwägens ermöglicht. Genau durch diese Leerstelle haftet den Bildern von Claudia Schumann etwas Rätselhaftes an, eine schillernd vibrierende Semantik, dessen das Antlitz gerade in seiner Schwäche und Verletzlichkeit fähig ist.

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